Null Komma Null Eins


Ein Video. Vier Min.

Stellen Sie sich folgendes vor.

Ihr Unternehmen übernimmt ein anderes Unternehmen. Das andere Unternehmen ist in einem fremden Land beheimatet. Das heißt, Ihr Unternehmen und das andere sind in unterschiedlichen Kulturen zuhause.


Ihr Unternehmen ist deutsch. Das übernommene Unternehmen ist amerikanisch. Oder umgekehrt. Es macht keinen Unterschied aus. So oder so wird die Fusion scheitern, wenn sich die zwei Hauptkulturen nicht verstehen.

Stellen Sie sich vor, der Kaufpreis der Übernahme beträgt eine Milliarde. US Dollar oder Euro. Es macht keinen Unterschied aus. Es ist viel Geld.

Nun gehen wir von drei Annahmen aus. Erstens: Es gibt Unterschiede zwischen Deutschen und Amerikanern. Zweitens: Die Unterschiede sind in grundsätzlichen Bereichen. Drittens: Werden die Unterschiede nicht verstanden, wird die Zusammenarbeit leiden.

Falls Sie den drei Annahmen nicht zustimmen, gibt es keinen Grund, warum Sie weiterlesen.

Falls Sie den Annahmen doch zustimmen, habe ich eine Frage an Sie: In welcher Höhe ist Ihr Unternehmen zu investieren bereit, um das Risiko zu minimieren, daß die Zusammenarbeit leidet aufgrund interkultureller Mißverständnisse?

Wie wäre es mit 100.000 US Dollar oder Euro? Hört sich das nach viel Geld an?

Welcher Prozentzsatz wäre das vom Kaufpreis eine Milliarde? Wie wäre es mit ein-hundertstel von einem Prozent? Habe ich richtig kalkuliert? Mathe war nie meine Stärke. Null komma null eins. Nicht ein Prozent. Nicht ein-zehntel von einem Prozent. Sondern ein-hundertstel von einem Prozent. Null komma null eins.

Ist Ihr Unternehmen zur Zeit dabei, so viel zu investieren? Vielleicht weniger? Vielleicht mehr? Vielleicht investiert das Unternehmen null komma null null. Nichts. Nothing. Nil. Zero. Zilch.

Hat Ihr Unternehmen jemals den Einfluss von interkulturellen Unterschieden auf den Erfolg der Übernahme kalkuliert? Falls nicht, was wissen Sie, was die bisherigen transatlantischen Fusionen nicht wußten?


Nun erlauben Sie es mir bitte, Ihnen Angst zu machen, damit Ihr Unternehmen doch überlegt, null komma null eins zu investieren: Was ist, wenn die Übernahme nicht gut geht, wenn sie schlecht performt oder gar scheitert? Sie und Ihre KollegInnen kennen den business case. Sie wissen, welche die kritischen Punkte sind.

Wie sieht’s aus, wenn die Presse anfängt, darüber zu berichten? Und wenn sie Kultur als einer der Gründe für das Scheitern nennt: „schlechte Integration“ … „kein alignment“ … „haben sich nicht verstanden“ … „interne Grabenkämpfe“.

Nun können weder die Journalisten noch die Analysten genauer artikulieren, was sie meinen mit „die Kulturen haben sich nicht verstanden.“ Woher denn auch? Sie verstehen solche Komplexitäten nicht. Sie sind Journalisten bzw. Analysten.

Und mal ehrlich gesagt, die Herren und Damen, die die zwei Unternehmen fusionieren – und damit meine ich auch Sie – blicken nicht unbedingt besser durch. Oder sehe ich das falsch?

Also tauchen die Artikel in der medialen Berichterstattung auf. Die Analysten fangen damit an, Kurskorrekturen zu empfehlen. Und Ihre shareholders? Sie sind nicht amused.

Wie sieht Ihre Begründung aus, warum sich das Unternehmen dagegen entschieden hat, ein-hunderstel von einem Prozent – null komma null eins – zu investieren, um dafür zu sorgen, daß sich die zwei Kulturen verstehen?

Dafür zu sorgen. Auf Englisch to ensure. Buchstabiert mit e oder mit i. Es macht keinen Unterschied aus. Null komma null eins. Erfolg oder Mißerfolg.